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6 Fragen an Ulrike Titelbach


Ulrike Titelbach / © privat


1) Warum Literatur?

Als Kind verbrachte ich viel Zeit mit meinem Großvater, der damals für die Pfarrbücherei im Ort verantwortlich war. Ich half ihm jede Woche dort. Danach durfte ich sechs Bücher ausleihen. Keinesfalls mehr, da blieb mein Opa streng. Schließlich sollte neben der Schule und dem Lesen auch noch Zeit übrig sein, um meine Freund*innen zu treffen, mit ihnen durch den Wald zu streifen, im nahen Fluss zu schwimmen usw. Was ich mich (und meinen Großvater) damals häufig fragte: Warum nicht mehr Literatur? Weil ich auch Bücher als Freunde betrachtete. Das ist noch immer so.


2) Warum Dialektliteratur?

Ich bin im Salzkammergut aufgewachsen und habe in meiner Kindheit ausschließlich Dialekt gesprochen. Im Zusammenhang mit meinen Forschungen zur mehrsprachigen (Kinder- und Jugend)Literatur beschäftigte ich mich später dann auch wissenschaftlich mit dem Sound dialektal gefärbter Sprache – etwa bei Christine Nöstlinger und H.C.Artmann.


Im Dezember 2014 hatte ich dann plötzlich dieses kurze Gedicht im Ohr:


mei zimma hod via ekng,

de viate is da dood.

waun i in dera ekng huk

daun fü i mi marod.

Diese vier Zeilen waren für mich so etwas wie eine Initialzündung, auch was mein Schreiben im Dialekt betrifft. Sie sind wie aus der Zeit gefallen. Wenn ich sie heute lese, katapultieren sie mich in die Stimmung jener Tage, in denen das Gedicht entstand. Zugleich sind sie mir ausgesprochen gegenwärtig. Und sie wecken Erinnerungen an meine Kindheit. Mit meiner Großmutter spielte ich damals gerne Ecken begrüßen. Wir gaben den vier Ecken ihrer Stube Namen, dann sprachen wir sie an. Beim Schreiben spiele ich das im Grunde heute noch, daun huk i mi in jede ekng.


3) Gibt es Vorbilder?

Spontan fällt mir hier William Carlos Williams ein, dessen poetische Alltagsbetrachtungen für mein Schreiben richtungsweisend waren und sind. Mich fasziniert, wie sich in seinen Texten formale Reduktion mit sinnlicher Kraft verbündet. Und dieser stille Blick, der stets ein Staunen in sich trägt, der die Erscheinungen des Alltags so betrachtet, als wäre es zum ersten Mal.

Poesie ist hier nicht nur eine Frage der Form, sondern zugleich auch eine Art des Denkens und Fühlens, im Grunde eine Lebenseinstellung. Dem kann ich sehr viel abgewinnen.

4) Was liest du gerade?

Eins meiner zahlreichen Lieblingsbücher. Das Langgedicht The Antropology Of Water von Anne Carson (1995). Und parallel dazu die sehr gelungene Übersetzung von Marie Luise Knott, die 2014 bei Matthes & Seitz erschienen ist. Anders als bei der ersten Lektüre vor einigen Jahren bewege ich mich heute beim Lesen mehr im Raum zwischen den beiden Sprachen. Das macht bei dieser Übersetzung wirklich Spaß.

Anne Carson hat in das Langgedicht einige klassische Haiku verpackt. Auch dieser Aspekt ihres Textes interessiert mich gerade sehr, weil ich mich selbst ebenfalls intensiv mit Haiku-Dichtung befasse.



5) An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück?

Sehr gerne denke ich an Begegnungen mit Menschen, die mir nahe sind und waren. Berührungen, (fragile) Umarmungen. Und wenn mich was zum Lächeln bringt oder zum Lachen. Außerdem mag ich Momente, in denen die Gedanken ganz zur Ruhe kommen und es still wird in mir. Beim Blick ins Meer zum Beispiel.



6) Woran arbeitest du derzeit?

An zwei Lyrikprojekten. Das erste ist ein poetischer Dialog mit Sofie Morin. Ich habe Sofie im Juni 2021 bei einem sehr inspirierenden Seminars der Schule für Dichtung kennengelernt, das von Michael Stavarič geleitet wurde. Daraus hat sich dann eine kontinuierliche Schreibpartnerschaft entwickelt. Aktuell schreiben wir gemeinsam an Nachtschatten im Frauenhaarmoos. Phytopoetische Dialoge. Längere Passagen daraus sind bereits in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien erschienen (z.B. in Litera/r/t 14/2022, im Kulturmagazin komplex #16/2022 und in Die Rampe 2/2022).


Parallel arbeite ich an einem Haikuband mit dem Titel augen im hoiz. Er ist durchgängig in zwei Klangfarben konzipiert, im Dialekt und in deutscher Standardsprache. Hier – als kleine Textprobe – das titelgebende Haiku:

ostlecha. augn im hoiz

und mid de fingaspitzn

in raund nochi foan


astlöcher. augen im holz

und mit den fingerspitzen

den rand berühren


________________________________



*Eder, Ulrike (2016): Vom Nöstlinger-Sound und anderen sprachlichen Besonderheiten – diatopische Variation in der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Kriegleder, Wynfrid/Lexe, Heidi/Loidl, Sonja/Seibert, Ernst (Hrsg.): Jugendliteratur im Kontext von Jugendkultur (Wiener Vorlesungen zur Kinder- und Jugendliteratur 1). – Wien: Praesens; S. 266-293.



 

Im Morgenschtean wurden bisher zwei Haiku aus dem oben vorgestellten Projekt von Ulrike Titelbach veröffentlicht:

– des heaz und des groos (in: Morgenschtean 68-69/2021, S. 19)

blau (in: Morgenschtean 72-73/2022, S. 17).


Außerdem finden sich weitere Gedichte der Autorin in den Ausgaben U70-71/2021 sowie U 60-61/2019.




 

Ulrike Titelbach veröffentlicht seit 2017 lyrische Texte und Kurzprosa in diversen Literaturzeitschriften (etcetera, Morgenschtean, neolith, die Rampe, …) und Anthologien (Facetten, Jahrbuch österreichischer Lyrik, …). Für das universitäre Schreibprojekt mit poesie zur theorie erhielt sie 2021 gemeinsam mit Studierenden aus ihren Lehrveranstaltungen den Exil-Literaturpreis für Teams. Im selben Jahr erschien in der edition offenes feld ihr erster Lyrikband Fragile Umarmungen.


Publikationen (Auswahl)

- Fragile Umarmungen. – Dortmund: edition offenes feld 2021 (mit Bildern von Evalie Wagner).

- Mehr Sprachigkeit. Unterrichtsvorschläge für die Arbeit mit mehrsprachiger Literatur in der Sekundarstufe. Hrsg. Von Ulrike Titelbach (=Kinder- und Jugendliteratur im Sprachenunterricht 7). – Wien: Praesens 2021.

- mit poesie zur theorie. In: Stippinger, Christa (Hrsg.): anthologie preistexte 21. das buch zu den exil-literaturpreisen schreiben zwischen den kulturen 2021. – Wien: edition exil.








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Hg von: Ö.D.A. – Österreichische Dialektautor:innen

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Kontakt: morgenschtean@oeda.at

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