top of page

"Dialekt ist im Prinzip immer eine Bereicherung!"

Franziska Pronneg kennt man als Poetry Slammerin. Dabei steht sie eigentlich nicht gerne im Mittelpunkt. "Mir ist es beim Slammen immer ums Schreiben gegangen", meint die Siebenundzwanzigjährige, die vorwiegend Kurzprosa und Lyrik schreibt. 2021 erschien ihr Erzählband „Urbane Nackerpatzerl". Margarita Puntigam-Kinstner hat sich mit Franziska Pronneg in Graz auf einen Tee getroffen.


Franziska Pronneg.; Foto © privat

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen?

Wenn man das Tagebuch dazuzählt, dann mit neun. Mit dem kreativen Schreiben habe ich mit etwa 16 Jahren begonnen. Damals habe ich auch erstmals etwas auf eine Lyrikplattform gestellt, aber dort bin schon lange nicht mehr aktiv. Ich habe meine Gedichte von damals sogar gelöscht, weil sie mir später dann doch ein bisschen peinlich waren.


Man kennt dich von diversen Poetry-Slam-Bühnen, auch beim Anno Dialekt Donnerstag warst du schon eingeladen, und dieses Jahr hast du die Ö.D.A. bei der jährlichen LiteraTour vertreten. Wann standest du das erste Mal auf der Bühne – und hast du gleich mit Texten im Dialekt begonnen? Das erste Mal auf einer Poetry Slam-Bühne stand ich mit 20 oder 21. Anfangs bin ich noch mit hochdeutschen Texten angetreten, aber schon mein vierter Slam war dann ein Dialekttext. Das war in der Cuntra la Cultra am Grießplatz, an den Abend kann ich mich noch gut erinnern. Von dem Moment an habe ich fast nur noch im Dialekt geslammt. Ich habe nämlich schnell gemerkt, dass ich mich mit Dialekttexten am wohlsten fühle, und das spürt natürlich auch das Publikum. Vorteil des Dialekts ist ja, dass die Vortragsweise viel natürlicher ist. Man fühlt sich nun mal in der Sprache am wohlsten, die am wenigsten inszeniert ist. Wenn man quasi afoch nur redt, wie an da Schnobl gwoxn is.

Dabei hattest du nicht immer eine gute Beziehung zum Dialekt, oder?

Nein, tatsächlich nicht. Ich komme vom Land, mit Dialekt habe ich lange nur das ländlich-konservative Lebensbild verbunden. Mich in Hochdeutsch auszudrücken war anfangs ein Mittel, um mich abzugrenzen. Erst später habe ich dann festgestellt, dass ich mich im Dialekt einfach irrsinnig wohl fühle. Mittlerweile ist der Dialekt meine liebste Form, sei es in Gesprächen oder auch auf der Bühne. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ich im Dialekt aufgewachsen bin und mich in ihm zu Hause fühle, sondern auch damit, dass der Dialekt viel mehr Ausdrucksmöglichkeiten als Schriftsprache bietet. Spannend ist ja auch, wie viele Dialektformen es allein in der Steiermark gibt. Wer zum Beispiel in Sinabelkirchen aufgewachsen ist, spricht ganz anders als jemand, der aus Deutschlandsberg kommt, von wo ich her bin.


Sprichst du also Weststeirisch?

Hm. Mittlerweile hat sich mein Dialekt sehr gewandelt, allein schon dadurch, dass ich schon so lange in Graz wohne. Mein Dialekt ist wohl eine Mischung aus allem, was ich täglich höre.

Slammst du noch immer regelmäßig?

Im Moment fehlt mir ein bisschen die Zeit dafür, da ich eine neue Arbeit angenommen habe. Aber das ist vielleicht auch nur eine Ausrede. Wahrscheinlich ist es eher so, dass es nach der Corona-Pause für mich wieder mehr Überwindung braucht, um auf eine Slambühne zu treten. Ich bin nämlich eigentlich kein Mensch, der gerne auf einer Bühne oder überhaupt im Mittelpunkt steht. Mir ist es beim Slammen immer ums Schreiben gegangen. Poetry Slam hat mir vor allem deswegen immer viel bedeutet, weil das Format viel erlaubt. Du kannst unterschiedliche Textsorten, Themen und Vortragsweisen ausprobieren und bekommst direktes Feedback vom Publikum, das ist toll. Außerdem ist die Slam-Community eine wirklich coole Community.


Also standest du sehr oft mit Lampenfieber auf der Bühne?

Am Anfang war ich oft extrem nervös, mit der Zeit ist es dann ein bisschen besser geworden. Wie wohl man sich auf der Bühne fühlt, hat ja auch viel mit der momentanen psychischen Verfassung zu tun. Wenn man sich gerade in einer Phase des Umbruchs befindet, sich im Privat- oder Berufsleben gerade unsicher fühlt, dann vergeht einem auch ein bisschen die Lust auf die Bühne. Zumindest mir geht es so.

Holst du dir auch abseits der Poetry-Slam Bühne Feedback für deine Texte?

Ja. Ich bin Mitglied auf StoryOne. Das Portal mag ich sehr, da es viele Austauschmöglichkeiten mit anderen Schreibenden bietet und auch dann motiviert, wenn gerade wenig Zeit zum Schreiben bleibt.

Ich schreibe im Moment hauptsächlich Gedichte und Kurzprosa, auch dadurch bedingt, dass die Texte auf StoryOne nur maximal 2.500 Zeichen haben dürfen. Wenn man mal einen längeren Text veröffentlichen möchte, dann muss man ihn als Fortsetzungsgeschichte anlegen. Ich sehe die Zeichenbeschränkung aber als gute Übung, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und unnötige Wörter zu eliminieren. Wenn ich mal etwas ausführlicher beschreiben will, dann geht sich das auf 2.500 Zeichen aber natürlich nicht aus.

Du sagtest, die Plattform wirkt sich motivierend auf dich aus. Inwiefern?

Ich mag sie wegen der Niederschwelligkeit. Jeder Mensch hat dort die Möglichkeit, eigene Kurzgeschichten oder Gedichte zu veröffentlichen und sich Feedback durch andere zu holen.

Die Themenwahl ist frei, Hauptsache der Text überschreitet die maximale Zeichenanzahl nicht. Außerdem gibt es auch immer wieder spannende Challenges zu verschiedenen Themen. Ich kann mich z.B. an eine LGBTIQ-Challenge erinnern, ein anders Mal gab es das Thema "bed time stories", dann wieder "Der Moment, der mein Leben verändert hat".

Bei diesen Challenges werden am Schluss die besten Geschichten ausgewählt und in einer Anthologie abgedruckt. Außerdem gibt es jährlich den Young Storyteller Award. Ab zwölf Geschichten kann jede:r sich um eine eigene Buchveröffentlichung bewerben. Es gibt zwar auch abseits des Preises die Möglichkeit, eigene Kurzgeschichtenbände über StoryOne zu veröffentlichen, aber das macht für mich keinen Sinn, da dann die Aufmerksamkeit fehlt. Die Gewinner des Wettbewerbs bekommen aber sehr viel Aufmerksamkeit; allein dort auf die Shortlist zu kommen, bringt schon sehr viel.

Und wie gesagt, ich finde es cool, dass man sich dort mit anderen Schreibenden aus diversen Teilen Österreichs und Deutschlands austauschen kann.


Veröffentlichst du auf StoryOne auch Dialekttexte?

Ja, manchmal. Wenngleich Dialekt meiner Erfahrung nach auf einer Bühne viel leichter umzusetzen ist. Die Niederschrift ist für mich noch schwierig, ich bin da erst am Herumexperimentieren. Gerade bei den Vokalen a und o bin ich am Überlegen, das Steirische ist da schon eine Herausforderung. Generell finde ich es ziemlich schwer, die Vokale schriftlich so abzubilden, wie ich sie ausspreche.

Wahrscheinlich haben meine Schwierigkeiten zusätzlich auch damit zu tun, dass ich früher Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe – da musste ich die Texte so korrigieren, dass sie der Standardschreibweise entsprechen. Ich muss mich also selbst noch an das Aussehen meiner eigenen Dialektniederschrift gewöhnen, denn für mich sieht ein –a am Ende statt des gewohnten –er auf den ersten Blick noch immer falsch aus.


Wie reagiert das Publikum aus Deutschland auf deine Dialekttexte?

An und für sich sehr positiv. Einmal bekam ich eine lustige Rückmeldung von jemandem, dem mein Text sehr gut gefallen hat, der sich aber an einigen Stellen schwertat, ihn zu verstehen. Aber es zahlt sich aus, auch auf Plattformen wie StoryOne im Dialekt zu veröffentlichen. Dialekttexte sind dort eine Bereicherung. Dialekt ist prinzipiell immer eine Bereicherung!


Das ist ein schöner Schlusssatz! Verrätst du uns noch dein Lieblingswort?

Das ist eindeutig das Oamutschgal.

 

Aus dem neuen Morgenschtean: Dei Haut, mei Haut - von Franziska Pronneg


Der neue Morgenschtean mit Dialektliteratur Thema "Beruf & Berufung" sowie mit einem Literatur-Sonderteil aus der Steiermark erscheint am 15. Mai 2023.



Mehr Dialekt-Texte aus der Steiermark können Sie ab 15.5. in unserer Textdatenbank "Österreich hören" (Bundesland Steiermark) hören.


 

Franziska Pronneg, geboren 1995 in Deutschlandsberg, 2015 nach Graz emigriert.

Poetry-Slammerin, Studentin und Dialektliebhaberin; erzählt vor allem Grazer Stadt-, Wald- und Lebensgeschichten.

2021 erschien ihr erster Erzählband "Urbane Nackerpatzerl"

Auf Story One findet man die Autorin unter:







bottom of page