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Die 1. Grazer Lesebühne setzt ihr Publikum unter Strom – und das schon seit 10 Jahren



Es ist der 18. Mai – VOLT-Abend im Postgaragen-Cafe. Kurz vor Beginn plaudert man noch ein paar Töne, erzählt sich das Neueste und wartet auf jene, die noch das Kleinkind schlafen legen. Die lockere, gemütliche Stimmung ist Teil des Lesebühnenflairs, das gilt für Berlin genauso wie für Graz. In erster Linie geht darum, in entspannter Atmosphäre Zeit miteinander zu verbringen. Vor allem aber soll das Publikum gerockt – bzw. unter Strom gesetzt werden. Dass das regelmäßig gelingt, erkennt man daran, dass sich der Raum im Postgaragen-Café schnell füllt. Trotz der eilig herbeigebrachten, zusätzlichen Sitzmöglichkeiten, muss am Ende etwa ein Dutzend Gäste mit einem Stehplatz Vorlieb nehmen, doch das scheint der Vorfreude keinen Abbruch zu tun.

1. Grazer Lesebühne in neuem Gewand


Die elektrisierende Formation namens V.O.L.T – bestehend aus den Slam-Poet:innen da Wastl (V), Anna-Lena Obermoser (O), Klaus Lederwasch (L) und Mario Tomić (T) – tritt zwar erst seit etwas mehr als einem Jahr in dieser Kombination auf, die Lesebühne selbst gibt es jedoch schon seit 2013. Auf sage und schreibe 75 Auftritte konnte das Kollektiv – damals noch unter dem Namen „Gewalt ist keine Lesung“ – zurückblicken, bevor der Lockdown den Auftrittsmöglichkeiten vorerst einen Riegel vorschob.

Ohnehin aber war zu dieser Zeit schon ein bisschen die Luft draußen. Das Team befand sich im Umbruch, manche waren weggezogen andere hinzugekommen, auch passte die Chemie nicht mehr ganz so gut wie zu Beginn. 2021 kam man zwar noch einmal zusammen, um gemeinsam ein Corona-Projekt zu verwirklichen (siehe Infokasten), ansonsten sah man in der Ruhe die Chance, sich zu überlegen, wie es weitergehen soll.



Das "Corona-Projekt" der 1. Grazer Lesebühne: ein breite Holz-USB-Stick mit Texten von Mario Tomić, Klaus Lederwasch, Wittrich, Anna-Lena Obermoser, Kuno Kosmos und anderen Poet:innen. Die Texte werden musikalisch von Niki Waltersdorfer begleitet – Hörproben finden Sie im neuen Morgenschtean über die QR Codes.

Der Stick ist nach wie vor bei den Veranstaltungen von V.O.L.T. erhältlich!





Im Mai 2022 konnte man die Lesebühne schließlich erstmals in neuer Formation im Postgaragen-Café erleben. Mit Mario Tomić und Klaus Lederwasch waren zwar auch zwei Gründungsmitglieder im Team – das Format aber war nun ein anderes. Freier für jede:n einzelne:n Poet:in sollte es werden, vor allem wollte man den Organisationsaufwand ein wenig reduzieren ohne dass dabei die Qualität verlorengeht.

„Bis zum Lockdown, haben wir noch für jeden Abend eigens ein Theaterstück verfasst“, erinnert sich Lederwasch. „Das war zwar eine echt coole Sache, aber halt auch ein enormer Aufwand, wenn man bedenkt, dass ja jedes Stück nur einmal zur Aufführung kam.“


Um – neben dem jeweils eingeladenen Stargast – auch im eigenen Programm ein besonderes „Herzstück“ zu bieten, gibt es nun die Challenge. Welcher Art diese sein soll, wird immer durch zwei Würfel entschieden. Der eine gibt die Art der Challenge vor, der andere, wer sich dieser Challenge das nächste Mal stellen muss. Möglich sind neben den Formaten Rap und Team-Text z.B. Stand-Up, ein Song oder sogar ein ganzes Musical. Damit es nicht zu einfach wird, müssen die Stichworte eingebaut werden, die vom Publikum vorab gesammelt und gezogen wurden.

„Die Challenges sorgen dafür, dass wir unsere gewohnte Spielwiese verlassen und uns auch mal an neue Formate wagen. Ich selbst wäre zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, einen Rap zu schreiben“, gesteht Anna-Lena Obermoser, die mit ihrer souligen Stimme und ihren eindringlichen, im Salzburger Dialekt deklamierten Texten das Publikum mitreißt.



v.l.n.r.: da Wastl (V.), Anna-Lena Obermoser (O), Klaus Lederwasch (L.), Mario Tomic (T.); Foto © V.O.L.T



Maximale Freiheit – maximaler Respekt


Abgesehen von der Challenge, gibt es für die Poet:innen seit 2022 keine Vorgaben mehr. Jede:r bereitet Bühnentexte vor, die seinem bzw. ihrem Stil entsprechen, auch von einem Thema möchte man sich nicht mehr einschränken lassen.

„Wir sind alle sehr unterschiedlich in dem, was wir tun“, meint Obermoser. „Das ist auch der Grund, warum ich gerne bei VOLT bin. Wir lassen einander die maximale Freiheit, arbeiten aber andererseits sehr eng zusammen. Das geht nur, wenn die Chemie stimmt, und das ist bei uns jetzt wieder zu 100 Prozent der Fall.“


Gerade die markanten Stilunterschiede machen den Charme der 1. Grazer Lesebühne aus – kein Vortrag ähnelt auch nur annähernd dem anderen.

Während der Wastl mit viel Wortwitz im Rap-Rhythmus slammt, erinnern Anna Lena Obermosers Gänsehaut erzeugende Auftritte an die des legendären Beatniks Allen Ginsberg.

Lederwasch wiederum ist seinen Tiergeschichten treu geblieben, die einem das Lachen regelrecht im Halse stecken bleiben lassen.

Wer „den bunten Haufen“ mit seiner absolut liebenswert-schrägen Moderation zusammenhält, ist – nicht nur an diesem Abend – Mario Tomić.

„Und? Was habt ihr euch gemerkt?“, fragt er in die Runde. Als alle im Publikum verlegen zu kichern beginnen, streichelt er mit gespielt-enttäuschtem Blick die Wassermelone, die er den halben Abend über in seinen Armen hält, als müsse er bei ihr Trost suchen.

Tomić kennt man in Graz schon lange. Man könnte sagen, was Markus Köhle und Mieze Medusa für die gesamtösterreichische Slamszene sind, ist Mario Tomić für Graz. Jahrelang hat er unter anderem den Kombüsen-Slam moderiert und den PoetySlam mit viel Elan und vor allem seinem ganz eigenen schrägen Humor in der steirischen Landeshauptstadt bekannt gemacht.

An diesem Abend nimmt der Poet – der sich selbst in seinen Texten oft mit dem Thema Migration beschäftigt – zurück. „Damit der Abend nicht zu lange dauert“, wie er verrät. Immerhin warten doch alle gespannt auf den Stargast und die anschließende Challenge – denn diesmal wird tatsächlich ein Musical geboten.


In Spaß verpackte Gesellschaftskritik


Was nach der Pause folgt, ist eine an Lachkrampf-Potential kaum zu überbietende Darstellung. Wastl spielt den Zwergkaninchen jagenden Sonnenkönig – in Hawaiihemd, Bermudashorts und und Turnschuhen, auf die Stofftiere gebunden sind. Sein buckelnder Diener Lederklaus singt im Sado-Maso-Fledermauskostüm; Tomić und Obermoser geben die Einbrecher, die den goldenen Schuh stehlen und im Anschuss darüber streiten, wer die Putzarbeit zu übernehmen hat.

Das klingt nach einer herrlichen Blödelei, und tatsächlich stehen den meisten Besucher:innen Tränen in den Augen. In ihren schrägen, fast durchwegs gesungenen Texten üben die Poet:innen jedoch Kritik am Kapitalismus; es geht um Machtstrukturen und Ungleichbehandlung, und auch die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wird in das bizarre Setting gepackt.

„Ursprünglich hatten wir sogar einen queren König. Ich hatte schon einen Text dazu geschrieben, aber dann sind wir draufgekommen, dass das doch zu viel Themen geworden wären“, gesteht Obermoser ein paar Minuten nach dem tosenden Schlussapplaus, als alle wieder gemütlich bei Bier und Makava beisammenstehen.

Auch das gehört zum Erlebnis dazu. Dass man im Anschluss – um einen Tisch stehend - mit den Mitgliedern der Lesebühne über das Gesehene bzw. Gehörte diskutieren kann und auch einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Texte gewährt bekommt. Das ist schon ein ganz anderes Erlebnis, als wenn man man in einer Stuhlreihe sitzt und auf ein erhobenes Podium emporblickt.


Hinweis: V.O.L.T tritt das nächste Mal am 14. Juli 2023 auf – bei Gatto im Museum Alle Infos zu den Auftritten findet man auf Facebook unter: https://www.facebook.com/daWastl.Obermoser.Lederwasch.Tomic




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