"Eine sprachliche UMrAhrMUNG"

So lautete der Schreibwettbewerb, der anlässlich der Ausstellung "Defregger: Mythos – Missbrauch – Moderne im Tiroler Fernandeum ins Leben gerufen wurde. Verfasst werden konnte ein lyrischer Text zu einem von insgesamt drei Bildern von Franz von Defregger. Alle 3 Bilder, die zur Auswahl standen, kann man >HIER ansehen.


Den ersten Preis gewann Veronika Schneider vulgo Boarnvroni. Sie konnte die Jury mit ihrem Text "Wenn die Fassad oubröcklt" zu dem Bild "Landecker Häuser" überzeugen.


Doch nicht nur der Siegertext ging an eine uns wohlbekannte Autorin: Auch die Texte von Ingeborg Schmid, Brigitte Thurner und Rosa-Maria Lochmann-Zanier wurden prämiert.

Die Ö.D.A. freut sich riesig und gratuliert allen Autorinnen herzlich!



Veronika Schneider vulgo Boarnvroni vor Franz von Defreggers "Landecker Häuser" (ca. um 1870). Fernandeum, Tirol. Foto: © Lanziner V.




Siegertext in "Hatti(n)ger Dialekt und Übersetzung:


Wenn die Fassad oubröcklt


Die brennete Liab voar die Fenschter.

Schian, leichtet roat.

Die Bliah vu die Bischl lenkn leicht ou

voar der feichtn, kaltn Stoanmauer hintern oubröckltn Putz.

Voar die zugign, undichtn Fenschterruhmen,

voar die hinign Scheibm in die Winterfenschter.

Voar der Noat hinter die Tiarn.

A weiße Pfoat, a weißer Schurz,

alles voller Unschuld und so sauber banond.

Koaner siehcht die Riesn vu die Zacher,

dej versteckt af der lingn Schurzseite eiagwischt woarn sein.

Koaner siehcht in Rotz vun Rearn der in Pfoatärml klamm und steif macht.

Und die Muatter Gottes heb schützend ihr Kindl über des Nelet und isch selber in groasser Noat.

Weil die Farbm af der Fassad verbloachn und des Bild scho bessere Zeitn

übern gmauerten Spitzbougnportal vor etlige Generationen erleb hat.

Und es isch Herbscht.

Und bald isch Winter.

Die Holzlegge voarn Haus isch a kloane.

Es weard a kalter Winter wearn.

A langer, kalter Winter.

Und alle miassn se Opfer bringen.

Und a toal wearn´s epper it derpockn und selber bald Opfer sein.

Aber die Langessunna weard dechtersch wieder scheinen und die feichte Stoanmauer tricknen.

Und die Bluamen und Bam und die brennete Liab - alles weard wieder bliahn.


© Boarnvroni




Bröckelnde Fassade

Blühende Geranien vor den Fenstern.

Wunderschön, leuchtend rot.

Die Blüten lenken ab.

Sie lenken ab

von der kalten, feuchten Steinmauer hinter der abgebröckelten Fassade.

Von den undichten Fensterrahmen,

von den zerbrochenen Scheiben der Winterfenster.

Von der Not hinter den Türen.

Ein spielender Bub mit weißem Hemd,

ein Mädchen mit weißer Schürze.

So unschuldig, so adrett.

Niemand sieht die Tränen

die in die Schürzeninnenseite gewischt wurden.

Niemand sieht die verschneuzten, feuchten und schmutzig verklebten

Hemdsärmel nach bitterlichem Weinen.

Und die Mutter Gottes hält schützend ihr Kind über das Elend.

Selbst in großer Not weil die Farben des Gemäldes abbröckeln und ausbleichen.

Dieses heilige Bild,

gemalt über dem gemauerten Spitzbogenportal eines ehemals herrschaftlichen Hauses

erlebte vor Generationen bessere Zeiten.

Es ist Herbst.

Bald ist Winter.

Der Brennholzstapel vor dem Haus ist bescheiden.

Es wird ein kalter Winter werden.

Ein langer, kalter Winter.

Jeder muss sein Opfer bringen.

Einige werden es nicht schaffen und selbst zum Opfer werden.

Im Frühjahr wird die Sonne wieder scheinen und die feuchte Steinmauer von Neuem trocknen.

Blumen, Bäume und auch die Geranien – es wird trotzdem wieder alles blühen.


© Boarnvroni

Die Ö.D.A. dankt der Autorin für die freundliche Genehmigung der Autorin, die Texte unseren Leser*innen zur Verfügung stellen zu dürfen!