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Josef Graßmugg: Literaturaktivist aus Leidenschaft


»Das Schreiben hat mir schon früh Spaß gemacht«, erinnert sich Josef (Sepp) Graßmugg, der als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie im steirischen Edelstauden aufwuchs und heute unter anderem Vorstandsmitglied er Ö.D.A. ist.. Sein erster Besuch auf der Frankfurter Buchmesse erfolgte schon früh; der Schüler, dessen Lieblingsfach Deutsch war, half in der örtlichen Bücherei aus, zur Buchmesse fuhr man gemeinsam mit dem Bus aus der Steiermark an.


Die Liebe führte ihn als junger Mann schließlich nach Kapfenberg. »Hier war es anders als in Edelstauden oder Kirchbach«, erinnert sich Graßmugg. »Kapfenberg war ideal für mich, es ist nicht ganz so ländlich wie in meinem Heimatort, nicht ganz so klein, hier kann man wirklich etwas auf die Beine stellen. Und trotzdem ist Kapfenberg keine Großstadt, wenn man etwas tut, dann wird es wahrgenommen und sehr geschätzt, weil das Angebot nicht so groß ist.«


Kapfenberg hat einiges zu bieten. Neben dem Kulturzentrum, in dessen Räumlichkeiten nicht nur die Stadtbibliothek, sondern auch der Europa-Literaturkreis Kapfenberg beheimatet ist, gibt es z.B. auch den Filmklub Kapfenberg.

Der Europa-Literaturkreis, dessen Obmann Graßmugg heute ist, entstand nach einen Volkshochschulkurs. »Ich war Mitte zwanzig, als ich hierherkam. An der Volkshochschule wurde damals ein Literaturkurs angeboten. Das schaust du dir an, habe ich mir gesagt, und wenn es dir nicht gefällt, dann gehst du einfach nicht mehr hin. Dadurch, dass mich hier niemand kannte, hatte ich mehr Freiheiten, mich auszuprobieren.«

Nach Beendigung des Kurses blieben die Teilnehmer:innen in Kontakt. »Um gemeinsam zu schreiben und uns übers Schreiben auszutauschen«, erzählt Graßmugg. »Wir haben uns damals im Kaffeehaus getroffen. Gemeinsam haben wir dann begonnen, die Literaturzeitschrift ›Reibeisen‹ herauszugeben.«


Das »Reibeisen« gibt es noch heute, dieses Jahr feiert das schwergewichtige Kultur-und Literaturmagazin, das einmal im Jahr erscheint, seinen vierzigsten Geburtstag. »Wir sind gut gefördert, dadurch ist es möglich, dass das Reibeisen viel Inhalt bietet. Und natürlich auch und vor allem, weil die Menschen in unserem Verein viel ehrenamtliche Arbeit leisten.«

Einer von ihnen ist Graßmugg selbst. Er ist nicht nur Obmann des Vereins, sondern zudem Organisator diverser Lesungen, Website-Betreuer und Leiter der »Reibeisen«-Redaktion. Auch in anderen Bereichen setzt sich Graßmugg für die Literatur ein. – z.B. als Redaktionsmitglied des Pfarrblatts, wo er sich um den Literaturteil kümmert.

Schade findet es der Dialektlyriker, dass immer weniger Dialektliteratur geschrieben werde. »Früher haben wir beim ›Reibeisen‹ ein eigenes Jury-Team nur für die Dialektliteratur gehabt. Jetzt, da nur noch wenige Texte im Dialekt kommen, werden diese gemeinsam mit den anderen Texten bewertet.«


Auch der Verein habe nur noch wenig Zuwachs durch junge Menschen. »Viele, die in jungen Jahren literarisch tätig sind, hören zu schreiben auf, wenn der Alltagsstress kommt. Oder sie ziehen aus Kapfenberg weg.«

Nicht wenige Mitglieder des Europa-Literaturkreises wohnen nicht in Kapfenberg. So wie etwa die Autorin und Schauspielerin Christine Teichmann, die in Graz lebt und Vorstandsmitglied des Vereins ist. Andere Mitglieder leben in Deutschland. Auch aus diesem Grund veranstaltet der Verein die »LiteraturBiennale Kapfenberg« – ein Lesefestival, bei dem die Mitglieder zusammenkommen, um sich auszutauschen und ihre Neuerscheinungen vorzustellen. »Die Biennale ist das Herzstück des Vereinsjahrs. Wir organisieren immer einen gemeinsamen Ausflug – und ein Tag ist allein für die Lesungen reserviert.«


Die LiteraturBiennale ist jedoch nur eine von vielen Veranstaltungen, die der Verein im Ort anbietet. Neben diversen Lesungen der Mitglieder – darunter auch Dialektlesungen – gibt es z.B. das monatliche Literaturcafé, in dem jedes Mal über Leben und Werk eines bzw. einer ausgewählten Autor:in gesprochen wird. Zudem kümmert sich der Verein auch darum, Autor:innen von außerhalb nach Kapfenberg zu holen. Eingeladen wurden bisher nicht nur Autor:innen aus ganz Österreich und Deutschland, sondern etwa auch aus dem osteuropäischen Raum. Auch die Leseförderung liegt dem Verein am Herzen, einmal im Jahr lädt der Europa-Literaturkreis Kapfenberg die Kleinsten zum Vorlesetag. Selbst die Gassennamen Kapfenbergs wurden schon durch Lesespaziergänge erschlossen. »Bei uns tragen nicht wenige Gassen Namen von Schriftstellern. Was uns bei dem Projekt damals auffiel: Kapfenbergs Straßennetz fehlen die Schriftstellerinnen. Auch das versuchen wir nun zu ändern.«

Diesen Herbst ist das Lesefestival »überBRÜCKEN« geplant. Etwa drei, vier Tage lang soll an diversen Brücken gelesen und die Bedeutung von Brücken auch im übertragenen Sinn hervorgehoben werden.

Hauptberuflich ist Graßmugg mittlerweile im Verwaltungsdienst der Polizei tätig. »Früher war ich bei der Post angestellt. Nicht am Postschalter. Ich bin die Handymasten hochgeklettert, das war für die Figur und die Fitness besser. Heute sitze ich nicht nur für den Verein, sondern auch hauptberuflich viel am Computer. Das ist gemütlich für mich, so kann ich jetzt auch zwischendurch mal meine Mails checken.«

Die Kulturarbeit, die Graßmugg ehrenamtlich für den Verein leistet, frisst freilich einen großen Teil seiner Freizeit. »So was kannst du nur machen, wenn du eine Partnerin hast, die das akzeptiert. Meine Frau hat früher im Pflegebereich gearbeitet. Während sie Nacht- und Wochenenddienste schob, habe ich mich um die Vereinsarbeit gekümmert. Seit sie zu Hause ist, wünscht sie sich, dass ich nicht mehr so viel allein mache und mehr delegiere. Aber das dauert manchmal länger, als wenn ich es gleich selbst mache. Heute ist es nicht mehr so leicht, ehrenamtliche Mitarbeiter:innen zu finden.«

Ob er selbst noch zum Schreiben komme? Graßmugg lacht. »Ich schreibe Dialektlyrik und Kurzgeschichten, ein Roman wäre gar nicht möglich. Manchmal, wenn ein Lesungstermin naht, bekomme ich die Panik, dass ich es nicht mehr rechtzeitig schaffe, einen passenden Text zu verfassen. Aber am Ende fällt mir immer was ein.« Die Ideen kommen manchmal auch beim Warten. »Wenn ich zum Beispiel am Bahnhof stehe, um einen Autor oder eine Autorin abzuholen, dann kann es schon vorkommen, dass ein Limerick entsteht. Beim Warten kann man auch gut die Silben für ein Haiku zählen.«

Vom Schreiben leben zu müssen, stelle er sich nicht sehr inspirierend vor. »Ich bin froh, dass ich durch meinen Job finanzielle Sicherheit habe. Wenn ich schreiben müsste, würde mir wahrscheinlich schnell die Lust vergehen, vor allem, wenn der Druck dazukäme, damit mein Auskommen verdienen zu müssen.«


Neben seiner Tätigkeit als Vereinsobmann steht Graßmugg auch als Laienschauspieler auf der Bühne, gerade finden wieder Proben statt. »Zum Glück dürfen wir diesmal bis zum Schluss mit dem Textheft auf der Bühne stehen. Das ist nicht bei jedem Regisseur so. Beim Textlernen merke ich nun doch langsam, dass ich älter werde«, gesteht Graßmugg.

Nach unserem Gespräch besuchen wir das Sporthotel. Um ein Bier (bzw. ein Glas Saft) zu trinken – aber nicht nur. Am kommenden Tag findet die »Reibeisen«-Redaktionssitzung statt, dafür müssen noch die Brötchen organisiert werden.

Als wir das Café mit Blick auf den Sportplatz betreten, wird Graßmugg von allen Seiten freundlich gegrüßt. Man kennt ihn in Kapfenberg – nicht nur als Dialektlyriker und Organisator diverser Veranstaltungen, sondern auch als Nikolo und Menschen, mit dem man gern ein Bier trinkt.

Das Telefon klingelt. Graßmugg sieht auf die Nummernanzeige. »Da rufe ich später zurück. Bestimmt geht es um den Pfarrball«, meint er. Dort plane man ihn für die Mitternachtseinlage ein, und davor helfe er bei der Ausschank.




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