6 Fragen an Brigitte Menne


Foto: Brigitte Menne, 2020 | © Laura Tomicek


Warum Literatur?

Lesen liegt der Literatur zugrunde. Ohne Lesen entsteht kein Schreiben. Wir haben schon vergessen, wie wir selber zu lesen angefangen haben. Aber wir sehen bei kleinen Kindern, dass sie alles abschlecken. Wie liest ein kleines Kind? Es nimmt alles in den Mund, durch Kosten liest es lingual, lingua die Zunge heißt ja auch Sprache. Bevor es noch „Mama“ sagt, weiß ein Kind wie die Mamma schmeckt. Alles wird im Mund erkundet. Alles wird gekostet. Die Zunge / Sprache definiert alles. Später wollen wir nicht mehr alles in den Mund stecken und kosten, weil wir glauben, bereits begriffen zu haben, wir äußern das lingual Erfasste im Sprechen. Der Mund ist die Schranke, die alles Ergriffene passiert, von außen kommt es über die Lippen hinein in den Erkundungsraum, die Zunge prüft und transformiert, und was sie begreift, kommt als Begriff(enes) wieder heraus. In tausend Zungen dasselbe Ding. Ein Ding in tausend Idiomen. Das erste Gedicht der KENTAURIN heißt deshalb „erste worte“, es ist ein graphical poem über anfängliche Interaktionen wie Worte des Erschreckens, Hilferufe, Vereinbarungen zur Flucht, die erste Mitteilung am Telefon bis >HALLO I BIMS< als Beispiel von Jugendsprech im Internet.

Wir halten daran fest als „kostbar“ zu bezeichnen, was wir goutieren und was uns die Welt erschließt, diese ganzen vorgekosteten Weltbausteine. Literatur imitiert das ursprüngliche Kosten von allem, sie macht das Vorfindliche kostbar und das Nichtssagende sprechend. So gesehen ist Literatur nicht etwas Nachgeordnetes, eine Verfeinerung oder Sublimierung von verbalem Rohmaterial. Literatur ist die Urerfahrung, weil sie die Schriftlichkeit der Welt voraussetzt. Literatur ist das Aufgelesene, ist primäre Lektüre, Zungenwerk, das durch Ausspucken lingual Begriffene, das Auslegbare. Alle Welt ist Schrift und viele Welten sind in den Schriften der Welt.

Für mich hat Literatur ein vergessenes stummes h nach dem ersten t: LITHERATUR erinnert an den entwicklungsgeschichtlichen Beginn des Lesens, an das Stierlen und Auseinanderklauben eines Durcheinanders, ein Strukturieren mit dem Schnabel wie es die Vögel tun: Aus-legungen des Vorgefundenen, die Lese. Vögel machen mit dem Schnabel ein förmliches Gedicht, einen Zauberspruch, um damit ihr Gelege zu schützen: Wir sagen dazu „Nest“.

LITH von altgriechisch lithos, der Stein, Urelement in der Geschichte der Menschen: Steine des Begreifens und des Anstoßes. Kieseln sind liniert, gestreift, punktiert, farbig, flach, rund, glatt, rau oder sonst irgendwie, sind urtümliche Lettern. Lege Kieseln zu Linien, Begrenzungen, Einfriedungen, Markierungen, Spielen, Hinweisen …. Geschleuderte Steine machen eine ballistische Kurve: einen Entwurf, eine (Streit-)Schrift. ERA von Ära: Zeitabschnitt, Epoche; von lateinisch aes = Erz, Bronze, Kupfer, Geld, Wert. Die frühen Zeitalter der Menschheit sind in Epochen (Ären) von Stein und Erz gegliedert: das Paläolithikum, die Altsteinzeit ... die Bronzezeit, die Eisenzeit. Im „Erratischen Zeitalter“ (so nenne ich das „Anthropozän“) sind wir vom Stofflichen abgeschnitten, verirrt im Virtuellen, im Alles-Möglichen, in der Geltungszeit, Geldzeit – Zeit als Geld – stellt den globalen Wert. Litheratur macht uns erinnern an das analphabetische poetische Tun, an die Welt als erste Lektür. – Poetisiert euch! sagte Pasolini, der Seismograph.

T ist das Zünglein in Natur und Kultur, wo das Drama der Geschlechtlichkeit aufbricht, eine Peitsche für die Zunft der LiteratInnen. UR anfänglich Vorsilbe, ur-sprünglich, ur-schriftlich … verweist auf etwas vor unseren Schriftsystemen, als Nachsilbe in Nat-ur und Kult-ur an die beiden Vorbedingungen der Literatur.

Warum Dialektliteratur?

„De is a Riwatsch“ haben sie über mich gesagt. Ich hatte ein Gefühl dafür, warum sie mich „an Riwatsch“ nannten: „riwarat“ sein heißt rau, ungehobelt sein. So haben sie mich halt gesehen. Warum sollte ich meine Ursprünge verleugnen? – Manches lässt sich nur im Dialekt sagen. Wenn ich intellektuell gefordert bin etwas klar zu formulieren, rede ich in österreichischem Schriftdeutsch. Wenn ich aber eine Gefühlssache schön deutlich machen will, red ich in Dialekt. – In „de soeaufsicht spricht“ lasse ich die Venus von Willendorf als Saalaufsicht im Naturhistorischen Museum auftreten, sie stellt sich prähistorisch und natürlich im Dialekt vor. Das ist ein wichtiges Gedicht für mich, wird aber wenig beachtet.

Gibt es Vorbilder?

Siehe Punkt 1.

Was liest du gerade?

Wörterbücher, Lexika, Sammelsurien brauch ich immer.


An welches Ereignis denkst du besonders gerne zurück?

Ans Einschlafen denke ich noch lieber als ans Aufwachen, aber beides ist schön.

Woran arbeitest du derzeit?

An einem Text über anonyme historische Fotografien über Frauen.


(15. März 2021)



imperative der zärtlichkeit

oder

„il gaudio è tanto“


carezzami

baise-moi

kimm zuawa

kiss me

streichle mich

# kratzen #

pogłaskaj mnie

draudi bei mir

einelamourln


aus: Brigitte Menne: "Die Kentaurin von Kagran, Zorn- und Liebesentwürfe",

fabrik◎transit. Edition für Literatur und Kunst, 2020

Buchbeschreibung "Die Kentaurin von Kagran"

Erstmals wurde eine größere Auswahl des lyrischen Werks von Brigitte Menne veröffentlicht, das im Wesentlichen nach 1994 entstanden ist: In Erinnerung an die „Die Prinzessin von Kagran“ (Ingeborg Bachmann), die es in der Wirklichkeit der Dichtung, aber real nie gegeben hat, stellen sich die „Zorn- und Liebesentwürfe“ von Brigitte Menne in den Aktionsradius einer Kentaurin. Wenn wieder Völkerwanderung ist, so die Autorin, wird es derart widerständige, ungebärdige Wesen voll Zorn, Mut und Fürwitzigkeit brauchen, die, wie ihre Vorgängerin, unvermutet aus dem Zivilisationsbruch von Austria Germanica hervorgestolpert sind.


Die Autorin schreibt in den ihr zur Verfügung stehenden Sprachen – österreichische Dialekte und Schriftsprache, Italienisch, Englisch, „Vogel“ und Kauderwelsch – ein fortgesetztes Memorandum darüber, was sich hier zuträgt, wohnt sie doch selbst seit elf Jahren in Kagran, einem nördlichen Randbezirk von Wien.


Fünf KünstlerInnen unterschiedlicher österreichischer Provenienz (Salzburg, OÖ, NÖ, Wien und Burgenland) haben sich zusammengetan, um die Synergie ihrer Fachgebiete für diese Veröffentlichung auszuloten: „Die Kentaurin von Kagran. Zorn- und Liebesentwürfe“ verbindet an ausgewählten Stellen bereits a priori visualisierte (rechtsbündige oder anders vorformatierte) Texte von Brigitte Menne mit Zeichnungen von Christian Bazant-Hegemark. Das Layout von Mischa Guttmann jongliert mit den Bildelementen, Lesende sollen betrachten, Betrachtende lesen: Eine derart bespielte Doppelseite ergibt ein "Graphical Poem".

Verena Dürr ist für das Lektorat verantwortlich. Hinsichtlich Auswahl, Bewertung und Reihung der mehrsprachigen Texte profitiert das Projekt von ihrer Professionalität als Ingeborg Bachmann-Publikum-Preisträgerin 2017 und Musikerin. Zuständig für Konzeptidee und Koordination der Mitwirkenden ist Hannah Menne (Tochter der Autorin).


Die Originalität des Buches liegt in der Veröffentlichung von Graphical Poems, der Brisanz der queer-feministischen Inhalte, in der Interdisziplinarität (Literatur, bildende Kunst und Buchgestaltung) und in der generation-übergreifenden Zusammenarbeit der Beteiligten: Brigitte Menne *1946, Christian Bazant-Hegemark *1978, Mischa Guttmann *1977, Verena Dürr *1982, Hannah Menne *1981.



mehr Literatur von Brigitte Menne finden Sie in folgenden MORGENSCHTEAN-Ausgaben:

U52-53/2012; U50-51/2012; U48-49/2016; U46-47/2015; U12/2006; U9/2005; U4/2004



Kurzbiografie (Stand 15 .03. 2021)


BRIGITTE MENNE, * 1946 in Schwarzach (Salzburg). Diplomiert in künstlerischer Metallbearbeitung und Soziologie. – Als Pionierin der basisorientierten regionalen Kulturarbeit hat B. M. Projekte realisiert und begleitet, z.B. von 1984 bis 1993 den „Saurüssel - Mühlviertler Landbote“ und den „Frauentreff Rohrbach“. Berufstätigkeit in der Straffälligenhilfe bei NEUSTART. – Ausstellungen und Veröffentlichungen. – Jahrelang ehrenamtliche Mitarbeit beim autonomen Frauenzentrum Linz. – Seit 1994 Mitglied bei IG-AutorInnen und bei ÖDA. Lebt und arbeitet seit 2010 in einem Frauenwohnprojekt in Wien.




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