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"Am Ende steht immer die entscheidende Frage: Ist es gut gemacht oder nicht"

Sein Gedicht "fuaschtod" wurde im letzten Morgenschtean abgedruckt , nun ist der Grazer Autor Harald Letonja zu Gast in der zweiten Folge von DialektSHOG*, einer Sondersendereihe, die der Morgenschtean gemeinsam mit dem Grazer Autorinnen und Autoren Kollektiv gestaltet. Und darin geht es diesmal um die Motivationen, warum Autor:innen im Dialekt schreiben.



Harald Letonja © privat

Lieber Harald, du schreibst deine Gedichte im Grazer Dialekt und übersetzt auch englischsprachige Songs. Wie bist du zum Dialekt gekommen?


Meine Beziehung zum Dialekt ist schnell geschildert: Als Kind habe ich mich nicht für Dialekt interessiert — weil ich ganz selbstverständlich damit aufgewachsen bin. Es war meine Sprache. Die habe ich von Anfang an im Hals gehabt. Die Geschwister, die Nachbarn, die ganze Vorstadt-Umgebung, die Spiel- und Schulkameraden, das alles zusammen hat mein Sprechen geprägt. Alle um mich herum haben im Dialekt gesprochen. Die einzige Ausnahme war meine Mutter. Im Gegensatz zu meinem Vater, der ein Grazer war, stammte sie aus Danzig, das war zur Zeit ihrer Kindheit noch eine deutschsprachige Freie Stadt. 1945 musste sie von dort flüchten. Sie hat, bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren, mit über 90, immer ihre klare und sprachlich korrekte norddeutsche, leicht preußische Ausdrucksweise und Sprachfärbung beibehalten. Das haben wir Kinder nicht übernommen, das wäre absurd gewesen, dann dazu war der Eindruck, der sprachliche Druck der Dialektumgebung zu dominant. Wir haben diese klare Sprache unserer Mutter aber immer im Ohr gehabt. Das hat dazu geführt, dass wir zum Beispiel keine Probleme hatten, den 3. vom 4. Fall zu unterscheiden. Außerdem hat uns unsere Mutter schon ganz früh so exotisch klingende Wörter wie Kolon oder Semikolon nahegebracht, als die LehrerInnen immer nur von Doppelpunkt und Strichpunkt gesprochen haben.


Gibt es Vorbilder – bzw. wer hat dich geprägt?


Als Kind war für mich die Nachbarschaft prägend. Die Grazer Moserhofgasse, in der ich aufgewachsen bin, hatte in meiner Kindheit und Jugend noch den Beinamen „Windische Herrengasse“. Die abschätzige Bezeichnung „windisch“ bezog sich auf die vielen Menschen in der Gasse, die wie mein Vater slowenische Wurzeln hatten. Der Vergleich mit der prunkvollen Herrengasse im Zentrum war eine ironische Bezeichnung. Damit war gemeint, dass die Moserhofgasse eleganter sein wollte, als sie tatsächlich war.

Viele Nachbarinnen und Nachbarn hatten einen starken slowenischen Einschlag in ihrem Dialekt, der uns erst mit der Zeit alles verstehen ließ, was sie uns in ihrer melodisch auf- und absteigenden Sprachmelodie sagen wollten.

Der Dialekt mit seinem besonderen Sprachklang wurde für mich zur Selbstverständlichkeit. Ich schreibe sowohl in Hochsprache als auch im Dialekt. Beim Dialekt hat man zwar nicht mehr Möglichkeiten als in der Hochsprache, aber der Dialekt hat andere Möglichkeiten, die die Hochsprache nicht kennt.

Frühe Einflüsse in meiner späteren Jugend waren, wie bei so vielen Dialekt-SchriftstellerInnen, der Sprachgott H. C. Artmann mit seiner „schwoazzn dintn“ — damals für mich ein Erweckungserlebnis, vor allem, was die Transkription, das Umsetzen von Sprache in sichtbar gewordene Sprache, also Schrift betrifft. Weiters auch Christine Nöstlinger mit ihren großartigen Dialektgedichten in dem Gedichtband „iba de gaunz oamen leit“. Dann selbstverständlich die unendlich große Austropop-Szene mit Ambros, Danzer und vielen anderen. Sehr beeindruckt hat mich auch Arik Brauer, der die Szene um den jiddischen Einfluss bereichert hat und eine ganz raffinierte Art zu reimen hatte. In der Steiermark waren und sind wir ohnehin bis heute gesegnet mit STS, EAV und vielen, vielen anderen.


Was bietet dir der Dialekt für deine Literatur, was die Hochsprache nicht bietet?

Wie hier schon mehrfach und übereinstimmend gesagt wurde, herrscht Einigkeit darüber, dass jeder Dialekt seine eigene Melodie hat, dass der Dialekt viel mit Gefühlen, Emotionen zu tun hat und dass er im Gegensatz zur Hochsprache eine sehr direkte Form des Ausdrucks ist.

Weil das so ist, schreibe ich Gedichte und Songtexte oft im Dialekt. Der Dialekt ist bildhafter, saftiger. Und sein Vokabular ist sinnlicher als das der Hochsprache.

Daraus ergibt sich eine bestimmte Weichheit, wurde in einem Interview* gesagt. Das ist bei einigen Dialekten so. Aber in meinem Fall, im Grazer Dialekt, gibt es viele kurz und hart ausgesprochenen Wörter, die nicht durch Dehnen in eine weiche Form gezwungen werden, wie das zum Beispiel im Wienerischen oft zu hören ist.

Im Dialekt sind die Selbstlaute, die Umlaute und vor allem die Doppellaute bestimmender als in der Hochsprache. Wahrscheinlich sind unsere Emotionen seit Urzeiten von diesen Lauten begleitet. Sei es der Angstschrei bei der Begegnung mit einem gefährlichen Tier, ein Freudenschrei über endlich gelungenes Feuermachen bis hin zu den intimsten Begegnungen. Solche Ereignisse wurden und werden damals wie auch heute noch intensiv von ausgesprochenen oder auch ausgerufenen Selbstlauten, Umlauten oder Doppellauten begleitet.

Der Dialekt hat aber auch eigene Doppellaute, die in der Hochsprache nicht zu finden sind, wie ea, ou, oi, ia, ua, oa, und viel öfter als in der Hochsprache auch das ui. (Also zum Beispiel heast as net, seavas, gean, sou houch oubn, woid, koit, zoit, Hiatamadl, ziang, miassn, fui, ghuit, schuid, zua, gnua, schua, hean, plean, schtean, haot, boat, woat).

Interessanterweise gibt es im Englischen nicht wie bei uns nur drei oder vier, sondern gleich acht Doppellaute:

ou (low, go), au (loud, mouse) ai (light, bike) ei (lay, face) oi (boy, oil) ia (steer, clear) ea (air, chair) ua (tour, poor)

Vielleicht ist diese Ähnlichkeit und das häufigere Vorkommen von Doppellauten, die im Englischen und in unserem Dialekt zu finden sind, dafür verantwortlich, dass englischsprachige Songs sich leichter in den Dialekt übersetzen lassen als in die dafür doch oft sperrige Hochsprache.


Wie bereits erwähnt, schreibst du nicht nur eigene Texte im Dialekt, sondern übersetzt auch Lieder wie etwa die von Leonard Cohen. Worauf legst du bei der Übersetzung bzw. Übertragung dein Augenmerk?


„Sprachen sind nicht kompatibel“, hat einmal der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott gesagt.

Und die große Schriftstellerin Maja Haderlap hat nicht nur den wunderbaren, erschütternden Roman „Der Engel des Vergessens“ geschrieben, sondern auch den Gedichtband „Langsamer Transit“. Sie sagt in einem Gedicht, dass die Wörter, die den Fluss durchqueren, nur ja nicht glauben sollen, dass sie unversehrt, so wie sie waren, am Ufer der anderen Sprache aus dem Fluss steigen könnten.

Und Wolfgang Ambros, der Bob Dylan und auch Tom Waits übersetzt hat, meinte vor kurzem in einem Interview, dass man Tom Waits nicht übersetzen oder übertragen, also in den Dialekt hinübertragen kann. Und dann hat er den entscheidenden Satz gesagt: „Man muss versuchen, das zu sagen, was der Tom Waits versucht hat zu sagen. Und wenn das 1:1 in Worten nicht geht, dann muss man andere Worte finden, die das versuchen.“


Das Thema „Übersetzen“ ist zu groß, um es hier auszuführen. Aber an einem kurzen Beispiel kann man sehen, was der Dialekt bei einem aus dem Englischen übersetzten Text vermag:

Es gibt in dem Song „America“ von Paul Simon, noch gesungen von Simon & Garfunkel, die wunderbare Zeile:

And the moon rows over an open field. (der englische Doppellaut „ou“ kommt drei Mal vor)

In die Hochsprache übersetzt, könnte man das etwa so formulieren:

Und der Mond steigt auf über offnem Feld/

oder: Und der Mond hoch über dem offnen Feld.

oder: Und der Mond hoch ober dem offnen Feld

Im Dialekt (wo es das „ou“ im Gegensatz zur Hochsprache ja auch gibt) könnte man das „And the moon rows over an open field“ dann so übersetzen:

und da mond houch ouwa an oufnan fööd. — („sou houch oum, da mond“)


In der zweiten Sendung von DialektSHOG, bei der du Gast sein wirst, steht unter anderem auch die Frage im Raum, ob gute Dialektliteratur von Menschen geschrieben werden kann, die selbst nicht im Dialekt sozialisiert wurden. Wie stehst du zu dem Thema?


Warum nicht?

Karl Merkatz, der „Mundl“, war ein geborener Wiener Neustädter, das geht bei Wienern vielleicht noch durch. Wolfgang Böck ist in Linz geboren, hat in Salzburg und Graz studiert und hier Erfolge am Schauspielhaus und in der Oper gehabt. Soviel ich weiß, ist er erst mit über 30 in Wien als „typischer Wiener“, wie später in der Rolle des „Trautmann“ bekannt geworden. Adi Hirschal ist geborener Innsbrucker und auch erfolgreicher Schauspieler auf deutschen und österreichischen Bühnen. Böck und Hirschal singen gemeinsam die typischen Wiener „Strizzilieder“. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie Schauspieler sind und neben den Rollen, die dem Fernsehpublkum bekannt sind, viele Engagements und Erfolge an großen deutschsprachigen Bühnen gehabt haben. In Hochsprache selbstverständlich. Den Dialekt haben sie sich für ihre Rollen „angeeignet“. Wer Karl Merkatz einmal privat oder in Interviews gehört hat, der hat einen Menschen mit sehr gewählter, fast vornehmer Stimme, Wortwahl und Formulierung gehört. Der „Mundl“ war eine Rolle.

Bei Gedichten, bei emotionaler Lyrik, kann es auch eine Rolle sein, in die man schlüpft, auch im Dialekt. Die Literatur und ihre Präsentation ist vielfältig geworden. Rap, Poetry Slam und kunstvolle Lesungen sind oft mit „Rollenspielen“ verbunden. Wenn dadurch heute, auch mit Dialekt, andere, neue Zuhörergruppen angesprochen werden, sollte man das als Bereicherung sehen. Am Ende steht immer die entscheidende Frage: Ist es gut gemacht oder nicht?

 

Harald Letonja auf Österreich Hören:

 

*DialektSHOG Folge 2 – zu hören am Sonntag, 17. September 2023 um 17.00

auf Radio Helsinki (in Graz auf 92.6 oder auf www.helsinki.at/livestream

Mehr Informationen zur Sendereihe unter: www.oeda.at/radio








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